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Die Geschichte der Bessarabiendeutschen

Die Bessarabiendeutschen, auch als Schwarzmeerdeutsche bekannt, haben zwischen 1814 und 1940 in Bessarabien gelebt. Heute gehört dieser Landstrich zur Ukraine und Moldawien. Das Gebiet am Schwarzen Meer war zunächst Teil des Russischen Kaiserreichs.  Bessarabien grenzt im Westen an den  Fluss Prut, im Osten an den Fluss Dnister und im Süden an das Donaudelta und das Schwarze Meer an. Die Bessarabiendeutschen wanderten nach einem Aufruf von Zar Alexander I. in einer Größenordnung von etwa 9.000 Personen um 1814 aus Baden Württemberg, dem Elsass, Bayern und heute zu Polen gehörenden Teilen Preußens nach Bessarabien aus. Die Bessarabiendeutschen nannten dieses Heiligtum liebevoll „Kronland“, da ihnen das Land von der russischen „Krone“  zur Verfügung gestellt wurde.

Über 100 Jahre lang waren die Bessarabiendeutschen zunächst Untertanen des russischen Zaren.

Nach dem Sieg Alexanders I. über Napoleon war er der mächtigste Mann in Europa und Russland war das größte Land der Welt.  Bekannt ist Alexander I. in Deutschland da anläßlich seines Besuches am 25. Oktober 1805 in Berlin Mitte der Paradeplatz vor dem alten Königstor von König Friedrich Wilhelm III. in den Alexanderplatz umbenannt wurde.

Wunsch nach einer besseren Welt

Die Deutschen, die nach Bessarabien auswanderten, gaben bei den Behörden an, dass sie in Russland  „bessere Lebensumstände finden wollten“. Sie wollten der wirtschaftlichen Not entfliehen unter der sie und ihre Kinder litten und  sie wollten in Bessarabien auch an der Gründung einer politisch religiösen Gemeinde nach dem Muster von Korntal mitwirken. Außerdem wollten sie das Anbrechen des 1000-jährigen Friedensreiches erleben, das man für 1836 im Osten erwartete. Es waren also nicht nur wirtschaftliche, sondern auch religiöse Gründe, die dafür verantwortlich waren, dass die Bessarabiendeutschen sich auf den Weg nach Bessarbien machten.

Woher kommt der Name?

Den Begriff „Bessarabien" (rumänisch: Basarabia) leiten die Rumänen vom walachischen Haus Basarab ab.  Im 14. Jahrhundert haben sie im südlichen Teil dieses Gebietes geherrschtt. Die Adelskaste der Basarab waren im Dienst der Tataren (der Goldenen Horde) als Zöllner und Tributeintreiber an den Donauübergängen zuständig.  

Nachdem  sich die Osmanen 1484 und 1538 dort militärisch niederließen, nannten sie es „Besarabya".

Der Glaube und Religion

Schon zur Zeit der Ansiedlung Anfang des 19. Jahrhunderts unterstützte der russische Staat ein selbstbestimmtes kirchliches Leben der Bessarabiendeutschen. Zar Alexander I. plante dabei für die Siedler im Schwarzmeergebiet eine Verfassung der lutherischen Gemeinden. Sein Nachfolger Nikolaus I. schuf 1832 ein Gesetz, das die Ordnung für die Evangelische-Lutherische Kirche in Russland neu regelte. Bessarabien gehörte dadurch kirchlich gesehen zum Ersten Südrussischen Probstbezirk des Konsistoriums in Sankt Petersburg mit Sitz in Odessa und unterstand dem russischen Innenministerium.  Die vom russischen Staat eingesetzten Geistlichen studierten an der deutschsprachigen Universität in Dorpat Theologie.

In Folge der russischen Oktoberrevolution 1917 und der Abspaltung von Russland wurden die Besserabiendeutschen von 1918 bis 1940 für 22 Jahre rumänische Staatsangehörige. Es bildete sich hierbei die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Bessarabiens heraus, die 1926 Teil der Evangelischen Landeskirche in Rumänien wurde. Während der Zwischenkriegszeit waren bis 1936 Oberpastor Daniel Haase und ab 1939 Immanuel Baumann die Großen Geistlichen in Bessarabien.

Das Christliche Menschenbild prägt daher seit dem Anfang des 19. Jahrhundert das tiefverwurzelte Netzwerk der Bessarabiendeutschen.

Typisch Bessarabiendeutsche Küche

Die Bessarabiendeutsche Küche unterlag mehreren Einflüssen. Zunächst entwickelte Sie sich aus den aus Deutschland mitgebrachten Rezepten. Die Bessarabiendeutschen übernahmen dann aber durch die Nachbarschaft zu anderen Nationalitäten verschiedenes aus deren Gerichten oder wandelten sie entsprechend ab. Die Küche wurde bestimmt von landestypischen Früchten besonders den Wassermelonen. Das Nationalgericht ist das Mehl- und Kartoffelgericht Strudla, das auf bulgarische Siedler in Bessarabien zurückgeht. Ein anderes bekanntes Gericht sind Krautwickel (Kaluschke, Holubzi), das von Ukrainern stammt. Beliebt waren auch Dampfnudeln, Pfeffersoß und gefüllte Paprika. Von den Russen wurde Borschtsch und  von den Rumänen Mamaliga übernommen, als Beilage gab es  dazu sauer eingelegte Tomaten und Salzgurken.

Die bessarabiendeutschen Ortsbezeichnungen

Die Kolonien wurden anfänglich nach den Nummern der vermessenen Landstücke, wie Steppe 9, Kolonie Nr. 11 oder Die Zwölfte, benannt. Den neu gegründeten Dörfern wurden aber ab 1817 vom Fürsorgekomitee sogenannte Gedächtnisnamen verliehen, die an siegreichen Schlachten gegen Napoleon erinnern sollten.

Die Orte hießen dann Tarutino, Arzis, Brienne, Paris, Leipzig, Teplitz, Katzbach, Krasna und Wittenberg, wie sie auch heute noch im Sprachgebrauch der Bessarabiendeutschen und ihren Nachfahren genannt werden. Ab etwa 1850 benannten die Bessarabiendeutschen ihre Dörfer nach religiösen Motiven, Gnadental, Lichtental, Hoffnungstal und auch Friedenstal. Einige übernahmen auch Begriffe aus der türkisch-tatarischern Herkunft, wie Albota -weißes Pferd-, Basyrjamka -Salzloch- oder Kurudschika -trocken-.
Die größten bessarabiendeutschen Siedlungen wurden Tarutino, Arzis und Sarata. In Arzis gab es einen großen bedeutenden Wochenmarkt und viele größere Betriebe, besonders die Kirche in Arzis spielte eine wesentliche Rolle und die „Hauptstraße" mit ihren breiten Parkanlagen. Eine zentrale Bedeutung kam Arzis ab 1931 wegen des Sitzes des Deutschen Wirtschaftsverbandes zu, der auch Fortbildungskurse anbot.

Die Umsiedlung nach Deutschland

Als 1939 Deutschland mit der Sowjetunion vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs den Deutsch-Sowjetischen Nichtrangriffspakt abschloss, bekannt als Hitler-Stalin-Pakt, wurde – ohne dass die Betroffenen etwas davon wussten – das Ende der Deutschen in Bessarabien besiegelt. In einem geheimen Zusatzprotokoll vom 23. August 1939  wurde vereinbart, dass Bessarabien bei einer territorialen Neuordnung in Osteuropa an die UdSSR fallen und die deutschen Bevölkerungsgruppen gemäß dem Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag auf freiwilliger Basis umgesiedelt werden sollten.

Im Sommer 1940 wurde Bessarabien von der Sowjetunion militärisch besetzt. Nahezu geschlossen entschieden sich daraufhin im September 1940 die 93.000 Bessarabiendeutschen zur Umsiedlung ins Deutsche Reich unter dem Motto "Heim ins Reich". Sie verließen schweren Herzens mit 30 kg Gepäck pro Person ihre rund 150 bessarabiendeutschen Siedlungen.

Die meisten Bessarabiendeutschen reisten zwischen dem 2. und 25. September 1940 ab. Die Frauen und Kinder fuhren mit Lkw‘s zu den bis zu 150 km entfernten Häfen der Donau, nach Reni, Kilija und Galati, wo sie dann in Sammellagern unterkamen. Die Männer folgten ihnen dorthin als Treck mit insgesamt 11508 Planwagen und 22505 Pferden.  Nach einem kurzen Aufenthalt ging es auf Ausflugsdampfern der Donauflotte 1000 km donauaufwärts in Richtung Deutschland. Als Zielorte der Schiffe wurden Prahavo und Semlin bei Belgrad anvisiert. Von dort reisten die Bessarabiendeutschen mit dem Zug ins Deutsche Reich.



Die Realität der Umsiedlung

Die Umsiedlung stellt wahrscheinlich den schlimmsten Aspekt in der gesamten Geschichte der Bessarabiendeutschen dar. Nachdem sie von 1940-1942 in Auffanglagern gelebt hatten, wurden ihnen Siedlungen im Warthegau zugewiesen im heutigen Polen. Der Schock der viele dort traf, war der, dass die ansäßigen Polen teils eine halbe Stunde vorher erst erfahren hatten, dass sie ihre Häuser verlassen und den neuen Besitzern als Knechte dienen mussten. Die Bessarabiendeutschen die durch das Christliche Menschenbild geprägt waren, waren sehr unglücklich über diesen Zustand, da dies in keinster Weise ihren Werten entsprach und es brach ihnen teilweise das Herz.

Wir sind nicht mehr dieselben, die wir vordem waren schrieb Pastor Erwin Meyer im Heimatkalendar 1950. Die Erfahrungen in den Umsiedlungslagern und der Ansiedlungspolitik der SS - was die Bessarabiendeutschen und die polnische Bevölkerung betraf- hatte so manche Illusion über das idealisierte nationalsozialistische Deutschland vollständig zunichte gemacht. Der Glaube und Vertrauen an das Deutsche Volk und die Werte gingen damit einhergehend verloren - aber nicht der Glaube an einen guten Gott. Die Dorfgemeinschaften und Großfamilien wurden mit einem Schlag auseinandergerissen, religiöse Grundorientierungen und das Rechtsgefühl infrage gestellt.

Kaum in Polen angesiedelt, flohen die Bessarabiendeutschen im Januar 1945 vor der Roten Armee in den Westen.

Das wohl meist gebetete Gebet während der Umsiedlung und Flucht

Das wohl meistgelesene Buch war für die gläubigen Bessarabiendeuschen während der Umsiedlungs- und Fluchtzeit - aber auch voher-die Bibel. Und neben dem Vaterunser der Psalm 91 das Gebet, dass am häufigsten gebetet wurde.

Psalm -  91

Unter Gottes Schutz

1  Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, 2  der spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe. 3  Denn er errettet dich vom Strick des Jägers und von der schädlichen Pestilenz. 4  Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und deine Zuversicht wird sein unter seinen Flügeln. Seine Wahrheit ist Schirm und Schild, 5  daß du nicht erschrecken müssest vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen, 6  vor der Pestilenz, die im Finstern schleicht, vor der Seuche, die im Mittage verderbt. 7  Ob tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen. 8  Ja du wirst mit deinen Augen deine Lust sehen und schauen, wie den Gottlosen vergolten wird. 9  Denn der HERR ist deine Zuversicht; der Höchste ist deine Zuflucht. 10  Es wird dir kein Übel begegnen, und keine Plage wird zu deiner Hütte sich nahen. 11  Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen,  12  daß sie dich auf Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest. 13  Auf Löwen und Ottern wirst du gehen, und treten auf junge Löwen und Drachen. 14  Er begehrt mein, so will ich ihm aushelfen; er kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen. 15  Er ruft mich an, so will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not; ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen. 16  Ich will ihn sättigen mit langem Leben und will ihm zeigen mein Heil. (Lutherbibel 1912)


Eingliederung in Deutschland

Die spätere DDR nahm insgesamt fast 4,5 Millionen Umsiedler auf, wovon bis zum Mauerbau allerdings ein Großteil in den Westen abwanderte. Der Aspekt der Nachkriegsgeschichte wurde in der DDR vielfach verdrängt, denn im Sprachgebrauch, der das Thema entdramatisierte, sprach man offiziell nicht von Flucht oder Vertriebenen , sondern von Umsiedlern. Den weiter folgenden Nachfahren, die mittlerweile Enkel, Urenkel und Ururenkel dieser Kriegsgeneration sind, bleibt es zu hoffen Denkweisen- und Blockaden, Handlungsweisen und traumatische Erlebnisse für immer aufzulösen - ohne das NS Verbrechen zu relativieren. Denn auch die Bessarabiendeutschen tragen diese Leidensgeschichte in sich, sie waren - auch als Unbeteiligte- auch Opfer der nationalsozialistischen Gewaltpolitik, die in deutschem Namen verübt wurde.

Was macht die Bessarabiendeutung für die Forschung der Deutschen Geschichte so interessant?

Nach der Flucht erfasste das Hilfskomitee 1948 insgesamt 15.671 Familien, von denen 65.721 Personen lebten. 26.366 in den amerikanischen, 23.989 in den den britischen, 13.360 in der sowjetischen, 450 in der französichen Zone, 903 im Ausland und 653 befanden sich davon noch in Gefangenschaft. Im Krieg waren 2.181 gefallen. 1.301 Fälle sind durch die Folgen von unmittelbarer Gewalt, Verschleppung, Hunger, Zwangsarbeit ums Leben gekommen -  Augenzeugen haben dies belegt. Das Schicksal von 5.820 namentlich ermittelten Personen ist bis heute unbekannt (davon betroffen sind auch meine Omas Bruder Rudolf Haas, der zu dem Zeitpunkt am 11.1.1945 gerade mal 23 Jahre alt war, und ihre Schwesters Mann Otto Reppnack, der bereits 3 Tage nach seinem Einzug am 20.12.1942 als vermisst gilt, er hinterlies Frau und 3 Kinder)

Die Geschichte der Bessarabiendeutschen ist aufgrund ihres Gemeinschafts- und Familiendenkens außerordentlich akurat belegt.

Glaube versetzt Berge

In Lüschow während seiner Ausbildung lernte der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck auch die Deutschen aus Bessarabien kennen. In seinen Lebenserinnerungen erzählt er seine Erlebnisse, die er als junger Pastor 1967 mit Bessarabern in Mecklenburg hatte. Er beschrieb es so: Ihm begegneten Deutsche aus Bessarabien, gute, freundliche Menschen mit einer einfachen und verständlichen Sprache und höflichen Umgangsformen, die mit Gott eine lebendige Beziehung pflegten, die täglich beteten, die regelmäßig die Bibel lasen und aus einer Kraft heraus handelten, die er erst noch lernen wollte. Jochim Gauck ist begeistert, denn er erlebte unter den Deutschen aus Bessarabien gute und freundliche Menschen, die sich von Gott getragen wussten und die verantwortungsbewusst die Nachkriegszeit gestalteten: immer gemäß ihrem Wunsch nach einer besseren Welt. Das Geheimnis der Bessarabiendeutschen hat viele Menschen verändert.

Wenn man sich vom Glauben an höhere Mächte getragen weiß, erkennt man die Grenzen des eigenen Wirkens und Schaffens, aber auch das es weiter geht und oft schöner und besser, als man es sich selbst je ausmalen und vorstellen könnte. Sie mussten alle hart arbeiten und mussten auch die bittere Erfahrung machen, dass politische Irrtümer und wirtschaftliche Krisen über jeden schlagartig hereinbrechen können. Das Fleiß, Einsatz und Willenskraft nicht alles sind. Sie können ins Leere laufen, vergeblich bleiben, denn es liegt nicht allein in unserer Hand. Hier kommt etwas ins Spiel, worüber wir nicht verfügen können. 

Wir alle brauchen in unserer Mitte solche Menschen, von denen diese lebendige Erfahrung ausstrahlt, für die eine bessere Welt nicht nur eine erhabene Idee, ein Gedanke ist, sondern eine erlebte Wirklichkeit. Wir alle brauchen Mitmenschen, die durch Stürme hindurchgegangen sind und in Abgründe geschaut haben und dazu bekennen: eine höhere Macht hat uns getragen und diese trägt uns auch heute. Wir brauchen in unserer Mitte Menschen, die im Blick auf ein bewegtes Leben das Leben an sich wertschätzen und verändern möchten für eine bessere und glückliche Zukunft.